Reformen , Umwandlungssatz

2. Dezember 2021 07:32

BV­G21: Die bei­den ak­tu­el­len Mo­del­le im Ver­gleich

Es braucht un­be­dingt ei­ne sys­tem­ge­rech­te BVG-Re­form

Mehr denn je stellt sich im Zu­sam­men­hang mit der zwei­ten Säu­le die Fra­ge, wie ei­ne Re­form ge­lin­gen kann. In den Pen­si­ons­kas­sen, die nur oder fast nur das Mi­ni­mum ver­si­chern, sind die Pa­ra­me­ter aus dem Lot. Da­von be­trof­fen sind aber «nur» et­wa 14% der Ver­si­cher­ten. Im fol­gen­den Text möch­ten wir dar­le­gen, wel­cher der bei­den ak­tu­ell dis­ku­tier­ten Re­form­vor­schlä­ge wel­che kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen auf al­le Ver­si­cher­ten ha­ben wür­de. 

Die Le­bens­er­war­tung ist seit Be­ginn des BVG um ca. ein Drit­tel ge­stie­gen. De­ment­spre­chend län­ger muss die Ren­te aus­ge­zahlt wer­den. Es wird aber nicht mehr ge­spart.

Al­so gibt es im we­sent­li­chen zwei Mög­lich­kei­ten, die Ren­ten­lücke aus­zu­glei­chen: ei­ne hö­he­re Ren­di­te oder ei­ne Quer­fi­nan­zie­rung durch die ak­ti­ven Bei­trags­zah­ler. Das ist der Teil der Ver­si­cher­ten, die sich noch im Ar­beitspro­zess be­fin­den. Ei­ne hö­he­re Ren­di­te schei­det als Lö­sung aus. Wie die fol­gen­de Gra­fik zeigt, müss­te die Ren­di­te auf den Er­spar­nis­sen in der zwei­ten Säu­le beim ak­tu­el­len BVG-Min­dest-Um­wand­lungs­satz 4.8% be­tra­gen. Da­von sind wir heu­te – im lang­jäh­ri­gen Durch­schnitt – aber weit ent­fernt. Im Ne­ga­tiv­zins-Um­feld ist so schnell auch kei­ne Bes­se­rung in Sicht. 

Da­mit bleibt nur ei­ne Be­las­tung der Jun­gen Ge­ne­ra­ti­on als Aus­weg! Das je­doch ist we­der im Sys­tem so vor­ge­se­hen, noch auf lan­ge Sicht ak­zep­ta­bel. Es ist un­fair, einen Teil der Ren­di­te, die mit dem Al­ters­ka­pi­tal der Jün­ge­ren er­wirt­schaf­tet wird, zur Fi­nan­zie­rung der Ren­ten der Äl­te­ren zu ver­wen­den. Denn ers­tens wi­der­spricht es dem Ver­spre­chen, dass in der zwei­ten Säu­le je­der für sei­ne ei­ge­ne Ren­te spart und zwei­tens fehlt dann spä­ter den Jün­ge­ren wie­der­um die­ses Geld beim ei­ge­nen Al­ters­ka­pi­tal. 

 

Die BVG-Re­form muss die Um­ver­tei­lung re­du­zie­ren

Kon­kret wird die­ Um­ver­tei­lung pro Jahr auf ca. 6-7 Mrd. CHF ge­schätzt. Die Re­form der zwei­ten Säu­le hat des­halb das Ziel, die­se Um­ver­tei­lung deut­lich zu re­du­zie­ren. Ei­ne kom­plet­te Be­sei­ti­gung ist aber auch mit die­ser Re­form nicht mög­lich, denn die da­zu not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen wür­den kaum auf po­li­ti­sche Ak­zep­tanz stos­sen. 

Da­bei ist im­mer vor Au­gen zu füh­ren, dass die Re­form nur für den Teil der Ver­si­cher­ten not­wen­dig ist, die na­he beim BVG-Mi­ni­mum ver­si­chert sind. Da­bei han­delt es ich um die er­wähn­ten 14% der Ver­si­cher­ten.

Al­le an­de­ren Ver­si­cher­ten sind in so ge­nann­ten «um­hül­len­den» Pen­si­ons­kas­sen ver­si­chert. Dies be­deu­tet, dass sie deut­lich über dem Mi­ni­mum ver­si­chert sind. Ihr Al­ters­ka­pi­tal reicht des­halb auch un­ter den heu­ti­gen Be­din­gun­gen aus, um die ge­setz­lich ga­ran­tier­te jähr­li­che Ren­te von 6.8% des mi­ni­ma­len Al­ters­ka­pi­tals aus­zu­zah­len.

Die­se 86% der Ver­si­cher­ten wer­den nicht quer­sub­ven­tio­niert, und es braucht für sie auch kei­ne Re­form. 

Rah­men­be­din­gun­gen für ei­ne er­folg­rei­che Re­form

Wich­ti­ge Rah­men­be­din­gun­gen für die BV­G21 ge­nann­te Re­form sind:
• Das ak­tu­el­le Leis­tungs­ziel für Ver­si­cher­te (im we­sent­li­chen be­deu­tet dies die Hö­he der mo­nat­li­chen Ren­te) soll trotz der BVG-Min­dest-Um­wand­lungs­satz-Sen­kung er­hal­ten blei­ben (z.B. durch leich­te Er­hö­hung der Sp­ar­bei­trä­ge)
• Bes­se­re Ren­ten für Tief­löh­ner!
• Er­hö­hung des Leis­tungs­ziels für Ver­si­cher­te mit tie­fen Ein­kom­men durch ei­ne Sen­kung des Ko­or­di­na­ti­ons­ab­zugs. Denn ak­tu­ell gibt es zu tie­fe Leis­tun­gen für Tief­löh­ner und Teil­zeitan­ge­stell­te (be­trof­fen insb. Frau­en)
• Ja zu fai­ren Aus­gleichs­mass­nah­men!
• Kom­pen­sa­ti­ons­mass­nah­men für die Über­gangs­ge­ne­ra­ti­on, die sonst mit nied­ri­ge­ren Ren­ten kon­fron­tiert wür­de. Mehr da­zu im fol­gen­den Text.

Die De­bat­te über den rich­ti­gen Weg für ei­ne Re­form dau­ert nun schon bald 15 Jah­re. Zwei Ver­su­che sind 2010 und 2017 an der Ur­ne ge­schei­tert. Der­weil geht die un­faire Um­ver­tei­lung von den Jun­gen zu den Al­ten wei­ter, wo­für die äl­te­ren Ge­ne­ra­tio­nen aber nicht ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den kön­nen. Es ist die bis­he­ri­ge Un­fä­hig­keit po­li­ti­scher Ak­teu­re, einen pra­xis­ori­en­tier­ten Kom­pro­miss zu fin­den, die für die­sen Miss­stand ur­säch­lich ist. 

In der kom­men­den Ses­si­on be­fasst sich nun der Na­tio­nal­rat mit dem The­ma. Wie üb­lich bei der­art kom­ple­xen par­la­men­ta­ri­schen Ge­schäf­ten hat sich zu­erst die SGK-N geannn­te zu­stän­di­ge Kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats mit ei­nem Vor­schlag be­fasst, der vom Bun­des­rat ent­wor­fen wur­de. Sie hat die­sen er­heb­lich über­ar­bei­tet, weil er ein gros­ses Man­ko auf­wies. 

Aus­gleichs­mass­nah­men stel­len si­cher, dass es kei­ne Ver­lie­rer gibt

Ein Kern­punkt der BV­G21 ist der Er­halt des Leis­tungs­ni­ve­aus be­zie­hungs­wei­se des Ren­ten­ni­ve­aus. Bei ei­nem ge­kürz­ten Um­wand­lungs­satz ist dies nur mög­lich, wenn man gleich­zei­tig mehr Al­ters­ka­pi­tal be­sitzt, denn ein hö­he­rer Pro­zent­satz von ei­nem klei­nen Be­trag ist das­sel­be wie ein klei­ne­rer Pro­zent­satz von ei­nem hö­he­ren Be­trag. Um das Al­ters­ka­pi­tal bei Ren­ten­an­tritt zu er­hö­hen, sol­len die Ver­si­cher­ten wäh­rend ih­res Ar­beits­le­bens mehr spa­ren und frü­her mit dem Spa­ren be­gin­nen. Es ist of­fen­sicht­lich, dass dies erst nach ei­ner ge­wis­sen Über­gangs­zeit funk­tio­niert. Die Ge­ne­ra­ti­on, die zu kurz vor der Ren­te steht, hat die­se Mög­lich­keit nicht. Da­mit sie trotz­dem nicht mit ei­ner Ren­ten­sen­kung kon­fron­tiert wird, soll es für die­se Ge­ne­ra­ti­on Aus­gleichs­zah­lun­gen ge­ben.

 

Zu­sätz­lich sol­len Teil­zeit­ar­bei­ten­de und Tief­lohn­emp­fän­ger/in­nen fi­nan­zi­ell bes­ser ge­stellt wer­den. Denn erst ab ei­nem Be­trag von 21'510 CHF Lohn pro Jahr kann man in die zwei­te Säu­le ein­zah­len. Wer meh­re­re Jobs hat, die je­weils un­ter die­sem Schwel­len­wert lie­gen, hat kei­ne zwei­te Säu­le, eben­so wer Teil­zeit ar­bei­tet und dar­un­ter liegt. 

Die ak­tu­el­le Dis­kus­si­on um die BV­G21 dreht sich im we­sent­li­chen um die Fra­ge, wie die Kom­pen­sa­ti­on für die Über­gangs­ge­ne­ra­ti­on fi­nan­ziert wer­den soll. 

Für die Fi­nan­zie­rung sind aus­rei­chend Rück­stel­lun­gen vor­han­den

Die Pen­si­ons­kas­sen hat­ten vor­ge­schla­gen, die Kom­pen­sa­ti­on aus den vor­han­de­nen Rück­stel­lun­gen zu fi­nan­zie­ren, zu de­nen sie ge­setz­lich ver­pflich­tet sind. Die­se Rück­stel­lun­gen wur­den ex­tra für sol­che Aus­gleichs­mass­nah­men ge­bil­det. Denn Aus­gleichs­mass­nah­men braucht es heu­te schon, auf­grund der ge­nann­ten Ren­ten­lücke. Man nennt die­se auch Pen­sio­nie­rungs­ver­lus­te. Die­ses Geld ist be­reist vor­han­den. Beim Vor­schlag des Bun­des­rats ging dies ver­ges­sen. Der Bun­des­rat woll­te die Kom­pen­sa­ti­on über­ Lohn­pro­zen­te fi­nan­zie­ren, was ers­tens gar nicht nö­tig ist und zwei­tens eben des­halb viel zu teu­er käme. Zu­dem wür­de da­durch die Um­ver­tei­lung nicht re­du­ziert, son­dern ein­fach durch ei­ne neue er­setzt. 

 

Mehr­heit Na­tio­nal­rats­kom­mis­si­on will kei­ne neue Um­ver­tei­lung

Ei­ne Mehr­heit der Kom­mis­si­on lehnt den Vor­schlag des Bun­des­ra­tes zu­recht ab und prä­sen­tiert – an­ge­lehnt an den Mit­tel­weg/ASIP-Vor­schlag – ein ei­ge­nes Re­form­kon­zept.

Po­si­tiv zu be­ur­tei­len ist dies­be­züg­lich, dass für die Über­gangs­ge­ne­ra­ti­on nicht im Giess­kan­nen­prin­zip Ren­ten­zu­schlä­ge an Ver­si­cher­te ver­teilt wer­den, die über­haupt kei­ne Ein­bus­sen ha­ben.

Die Kom­mis­si­on hat auch klar­ge­stellt, wie die­se Ren­ten­zu­schlä­ge mög­lichst ziel­ge­rich­tet und ef­fi­zi­ent fi­nan­ziert wer­den sol­len. Sie hat ei­ne Kol­lek­ti­vie­rung der Aus­gleichs­mass­nah­men zur Si­che­rung des Leis­tungs­ni­ve­aus ab­ge­lehnt und ei­ne de­zen­tra­le Fi­nan­zie­rung un­ter ein­ge­schränk­ter Ein­schal­tung des Si­cher­heits­fonds be­schlos­sen. Das be­deu­tet, dass Pen­si­ons­kas­sen, de­ren Ver­si­cher­te be­reits jetzt einen tiefe­ren Um­wand­lungs­satz ha­ben, als das ge­setz­li­che Mi­ni­mum vor­gibt, nicht auch noch die Aus­gleichs­mass­nah­men in an­de­ren Pen­si­ons­kas­sen fi­nan­zie­ren müs­sen, die im­mer noch mit den über­höh­ten Um­wand­lungs­satz von 6.8% rech­nen. Die Pen­si­ons­kas­sen sol­len nur die­je­ni­gen Kos­ten dem Si­cher­heits­fonds in Rech­nung stel­len dür­fen, wel­che die je­wei­li­ge Ent­las­tung über­stei­gen.

Da­mit wird ei­ne so­li­da­ri­sche Fi­nan­zie­rung der Kos­ten für die Ren­ten­zu­schlä­ge, wel­che die Ent­las­tung über­stei­gen, ver­an­kert, und die Um­ver­tei­lung zwi­schen den Pen­si­ons­kas­sen deut­lich re­du­ziert. Mit die­sem Vor­schlag ist auch si­cher­ge­stellt, dass die vor­han­de­nen Rück­stel­lun­gen zweck­kon­form für die Fi­nan­zie­rung der Ren­ten­zu­schlä­ge ver­wen­det wer­den und kei­ne un­nö­ti­gen Aus­ga­ben ent­ste­hen.

Ei­ne Min­der­heit hin­ge­gen spricht sich für einen Vor­schlag von Na­tio­nal­rä­tin Me­la­nie Mett­ler (GLP) aus. 

Min­der­heit der Kom­mis­si­on will die jet­zi­ge durch ei­ne neue Um­ver­tei­lung er­set­zen

Auch in die­sem Mo­dell kön­nen die Vor­sor­ge­ein­rich­tun­gen die Bei­trä­ge durch Rück­stel­lun­gen fi­nan­zie­ren, je­doch sol­len die Lohn­ab­zü­ge 0.3% der AHV-Löh­ne be­tra­gen und dies wäh­rend ei­ner Bei­trags­dau­er von 20 Jah­ren. Das Mo­dell Mett­ler wür­de so­mit ei­ne neue, sys­tem­frem­de Fi­nan­zie­rung im Um­la­ge­ver­fah­ren ein­füh­ren. Die­se hät­te zur Fol­ge, dass die Kom­pen­sa­ti­ons­kos­ten rund zwei Drit­tel hö­her wä­ren als beim SGK-N-Mo­dell.

Denn nicht nur die von ein­er ­Ren­ten­sen­kung be­trof­fe­nen Ver­si­cher­ten be­kämen in die­sem Mo­dell den Zu­stupf, son­dern al­le Ver­si­cher­ten, die ein Al­ters­ka­pi­tal von we­ni­ger als 516'000 Fran­ken auf­wei­sen. Dar­un­ter sind vie­le, die den Zu­stupf gar nicht nö­tig ha­ben. Es kann zu­dem auch ge­trick­st wer­den, in­dem man zu­erst Al­ters­ka­pi­tal vor­be­zie­ht – zum Bei­spiel für den Kauf von Wohn­ei­gen­tum – und da­durch beim Ren­ten­an­tritt un­ter den Schwel­len­wert von 516'000 Fran­ken fällt, so dass man An­spruch auf Aus­gleichs­zah­lun­gen hät­te. Gut Ver­die­nen­de könn­ten sich so zu­sätz­lich auf Kos­ten al­ler an­de­ren Ver­si­cher­ten ihr Wohn­ei­gen­tum sub­ven­tio­nie­ren las­sen.

Dies al­les führt da­zu, dass im Mo­dell Mett­ler die Um­ver­tei­lung nicht be­sei­tigt oder re­du­ziert, son­dern die­se durch ei­ne neue Um­ver­tei­lung er­setzt wird, wie die fol­gen­de Gra­fik auf­zeigt.

 

Al­les in al­lem stellt sich die Fra­ge, wie­so ei­ne Re­form, die da­zu die­nen soll, Tief­lohn­emp­fän­ger und nur mi­ni­mal Ver­si­cher­te bes­ser­zu­stel­len, als Ve­hi­kel ge­nutzt wird, um Gut­ver­die­nen­de noch bes­ser zu stel­len. Und warum will man die Re­duk­ti­on der Um­ver­tei­lung auf der einen Sei­te gleich wie­der er­set­zen durch ei­ne neue Um­ver­tei­lung? 

Der ASIP lehnt das Mo­dell Mett­ler des­halb als über­teu­ert, un­fair und nicht ziel­füh­rend ab.

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